Donnerstag, 25. Dezember 2008

Stille Nacht...

Was macht man in China an Heiligabend? In der Innenstadt werden die Haupstraßen abgesperrt und für Fußgänger reserviert, da geht man dann mal hin.


Und warum geht man da hin? Da gehen die anderen auch hin.


Wieso gerade zu Weihnachten? Weihnachten ist noch neu hier in China, da möchte man mal schauen was das so ist.


Und warum geht man dazu ins Stadtzentrum? – Weil die anderen da auch alle hingehen


(Alles Antworten chinesischer Freunde, die es eigentlich auch vor allem amüsant finden, warum hier gerade zu Weihnachten so ein Rummel herrscht.)

Die Kaufhäuser und fliegenden Händler lassen sich das natürlich nicht entgehen, und so mancher muslimische Kebab-Brater steht mit Weihnachtsmann-Zipfelmütze neben seiner ordentlich verschleierten Frau. Ab und zu gibt's etwas Feuerwerk (würde in Deutschlanf wahrscheinlich als Großfeuerwerk durchgehen, aber wenn man Chinese New Year erlebt hat nimmt man die paar Böllerschläge zu Weihnachten nicht mehr war). Studenten sprühen sich gegenseitig die Haare und Jacken farbig an, die Sprühdosen werden ebenfalls von weihnachtszpifelmützentragenden Händlern Angeboten. Durch das Gewusel quälen sich hupend Motorradrikschas (hatte ich gesagt für Fußgänger reserviert?), weil mir der Rückweg zu lang ist nehme ich dann eine solche. Neben mir fährt ein Radfahrer auf seinem Rennrad, als er mich entdeckt findet er den Anblick eines Ausländers in einer Rikscha so faszinierend, dass er nicht mehr nach vorne schaut und beinahe in einen Baum rasselt.

In China macht mir sogar Weihnachten Spass!

Weihnachtszeit

Ich bin absoluter Weihnachtsmuffel. Ich hasse geplante Besinnlichkeit, Kerzen und Weihnachtslieder, Geschenkkommerz, volle Innenstädte am Samstag. Wenn im Radio "Last Christmas" läuft wünsche ich mich zurück ins Jahr 1983 (das letzte Jahr, in dem dieser Schmalz nicht aus allen Lautsprechern tropfte). Nun gut, Weihnachten in China bietet mir vielleicht eine Chance dem allen zu entgehen?

In der Firma steht vor meinem Büro ein Plastikweihnachtsbaum mit blinkenden Kerzen und roten Laternen. Meine Bürowand ist aus Glas, er ist also ständig in meinem Blickfeld. Im Meetingraum nebenan proben einige Office-Ladies Lieder für die Weihnachtsfeier.


Wenn man bei uns zuhause auf anruft, so ertönt anstelle des Ruftons die chinesische Version von "Jingle Bells". Jedenfalls ab- und zu, das Lied wechselt bei jedem Anruf.

In meinem Lieblingssupermarkt sind alle Kassiererinnen als Weihnachtsmann verkleidet. Als Hintergrundmusik läuft irgendwas weihnachtliches von Boney M, danach Mambo #5, dann eine schreckliche Coverversion von Do They Know It's Christmas. "Feed the wo - hoho - orld" zwischen Theken mit Hühnerköpfen und -füßen. Alles wie üblich in ohrenbetäubender Lautstärke, Unterhaltungen sind unmöglich, aber den Chinesen gefällt's, und außerdem geht mach ja nicht zum Unterhalten in den Supermarkt.

Gestern im Gym war der Spinning-Raum innen mit künstlichen Schneeflocken dekoriert, als Musik zum Sport Jingle Bells in einer tanzbaren Version (danach mit Techno-Rhythmus unterlegte deutsche Trinklieder und gaaaaanz viel Scooter, aber dazu demnächst mehr).

Vor unserer Wohnanlage wurde ebenfalls ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Keine Tanne, noch nicht mal ein richtiger Nadelbaum, aber sehr schön dekoriert:


In der Innenstadt dröhnt vor jeder zweiten Mall „Last Christmas“ (wieder in einer Disco-Version) aus riesigen PA-Boxen. Fast alle Restaurants sind weihnachtlich dekoriert (das heißt hier: Weihnachtsmann und Geschenk-Attrappen).

Weihnachten ist überall – aber zum Glück ist (geplante oder ungeplante) Besinnlichkeit in etwa so typisch chinesisch wie geordnet in der Schlange zu stehen, das Ganze ist eher eine Riesenparty. Und gestern habe ich einen Kollegen gefragt, ob er den wisse, was wir zu Weihnachten eigentlich feiern? Antwort: „Klar! Diese Sache mit dem Weihnachtsmann“.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Führerschein

Soll ich wirklich über den Verkehr in Xi’an schreiben? Straßenverkehr in China ist schon mehr als nur ein Klischee. Kaum ein Buch über den Alltag in China, dass sich nicht auch zu diesem Thema äußert; und sei der Aufenthalt noch so kurz - die hiesige Fahrweise ist ganz oben auf der Liste der Anekdoten jedes China-Reisenden. Andererseits… normalerweise beziehen sich diese Bücher oder Anekdoten auf Beijing, und nach einem Jahr in Xi’an empfinde ich persönlich den Fahrstil der Pekinger (inkl. Taxifahrer) als ausgesprochen zivilisiert. Genau genommen empfinde ich den Fahrstil in allen anderen mir bekannten chinesischen Städten verglichen mit Xi’an als zivilisiert, und: selbst nach einem Jahr stehe ich ab und zu an einer Kreuzung, schaue mir 5 Minuten das Geschehen an und lache mich kaputt (oder schüttele ratlos den Kopf, je nach Anzahl der Verletzten).

Die morgendliche Taxifahrt zur Arbeit weckt mich immer noch besser als der stärkste Kaffee, Adrenalin ist eine Wunderdroge. Und wenn ich mich mit meinem Elektroroller selbst ins Getümmel stürze, dann ist hellwach zu sein sowieso eine essentielle Voraussetzung für’s Überleben.

Nur, wo anfangen? Letzte Woche habe ich auf der Seite der deutschen Botschaft dieses Dokument entdeckt. Man darf also in der Tat mit einem chinesischen Führerschein in Deutschland autofahren, unglaublich.

Ich selbst besitze mittlerweile einen chinesischen Führerschein. Da ich bereits im Besitz einer deutschen Fahrerlaubnis war benötigte ich dazu „nur“ ein Gesundheitszeugnis und die theoretische Prüfung. Zunächst das Gesundheitszeugnis: Ich bin mit Gwen zur örtlichen Gesundheitsbehörde gefahren. Vor den Haus endlose Schlangen, aber für die wartenden Chinesen wurde offensichtlich ein unterhaltsames Programm geboten (Anwesenheit eines Ausländers, ich). Irgendwie sind wir dann an allen Warteschlangen vorbeimarschiert, haben an einer Kasse Gebühren gezahlt, mit einer kleinen Webcam ein Foto aufnehmen lassen, noch mal Gebühren bezahlt, und dann ging es zu den medizinischen Tests. Zimmer 1, Größe. Hinstellen, messen, roter Stempel, fertig. Zimmer zwei, Hörtest. Kopfhörer, lautes Geräusch von rechts. Ich soll sagen ob der Ton rechts oder links ertönt, kann aber zu der Zeit noch keinerlei chinesisch. Gwen fragt daher was ich sagen soll, die nette Krankenschwester lächelt verlegen und gibt mir den gewünschten Stempel. Beim ersten Sehtest (Zimmer 3) läuft es ähnlich, ich schaue in ein Gerät und soll sagen an welcher Seite der Kreis geöffnet ist. Sehe ich zwar ohne Probleme, kann ich aber nicht sagen. Krankenschwester lächelt und gibt mir den Stempel. Danach Zimmer 4, Farbensehen. Zahlen kann ich mittlerweile auf chinesisch sagen, aber die Krankenschwester versteht mich nicht. Wird schon stimmen, Stempel. Und so weiter, immer ein Test pro Zimmer, jeweils 20 Sekunden, fertig. Zum Abschluss noch räumliches Sehen. Zwei Holzstäbe bewegen sich vor- und zurück, und ich soll sagen sobald sie sich auf gleicher Höhe befinden. Zum Glück darf Gwen neben der Maschine stehen und sagt einfach auf chinesisch im richtigen Moment „jetzt“, sodass ich auch diesen Stempel bekomme. Dann noch einmal anstehen, Gebühren zahlen, fertig.

Fehlt nur noch die theoretische Prüfung. Also, auf zur örtlichen Verkehrsbehörde. Auf dem Parkplatz fragen diverse Frauen und Männer was wir wollen und ob sie uns gegen ein kleines Entgelt behilflich sein können. Aber ich bin ja ein ehrlicher Mensch und will einfach nur meine Führerscheinprüfung machen. Innendrin müssen wir uns dann wieder an diversen Schaltern anstellen, Gebühren zahlen, Formulare ausfüllen undsoweiter. Um die Wartezeit unterhaltsam zu gestalten hat man hier Fotos von Unfällen und Unfallopfern aufgehängt; in einer Endlosschleife läuft das Video einer Überwachungskamera, die zeigt wie ein Motorradfahrer von einem LKW überrollt wird und wie er anschließend aussieht. Eine Galerie an der Wand zeigt überfahrene Kinder, auf der anderen Seite zerquetschte Radfahrer. Für die wartenden Chinesen ist das sichtlich interessant und wird mit vielfachen „O“s und „Ah“s kommentiert. Alles in allem sehr laut, sehr wuselig, sehr chinesisch. Was meine Prüfung angeht… leider gibt es an diesem Tag ein Computerproblem, die Angestellten nutzen die Zeit ihre PCs und Mousepads zu putzen, aber Prüfung kann ich heute nicht machen.
Ein paar Tage später der nächste Anlauf. Allerdings gibt es heute ein Computerproblem. Ob man denn nicht vorher anrufen könne um zu erfahren ob die Computer funktionieren? Nein, geht nicht, sie haben kein Telefon. Aber wir sollten warten, das Computerproblem wird sicher bald behoben. Nach zwei Stunden werde ich aufgerufen, Computer geht wieder. Was ich denn wolle? Führerscheinprüfung? Ja, schon, aber heute nicht mehr, es ist gleich Feierabend.
Dritter Anlauf. Man muss wissen dass die Prüfung an Computerterminals abgelegt wird, man bekommt am Bildschirm 100 Multiple-Choice-Fragen und muss 90 davon richtig beantworten. Dieses mal kommen wir weiter voran, Computer funktionieren, und ich darf zur Prüfung. Aus irgendwelchen Gründen muss man dazu das Haus verlassen und zu einem Hintereingang wieder rein, aber gut. Der Haken dieses mal: Heute gibt es Tests nur auf chinesisch. Macht nichts, ich habe ja einen Übersetzer dabei. Nein, geht nicht, auf meinem Formular ist „englisch“ angegeben, ich muss also wiederkommen wenn der EDV-Experte da ist, der die englische Version der Prüfungssoftware starten kann.
Anlauf Nummer 4: Computer gehen, englische Software läuft, für alle Fälle hat auch noch ein Bekannter von einem Bekannten garantiert, dass ich in jedem Fall bestehen werden. Also los. Leider ist das Bildschirmlayout auf die chinesische Version angepasst, auf für die englischen Fragen ist der Bildschirm manchmal zu klein. „The display in your car shows the symbol [rechtes Ende des Bildschirms erreicht, Zeichen nicht mehr sichtbar] does it mean?“. Hmpf. Frage: „Wer ist verantwortlich für die Instandhaltung der Straßen“. Antworten: „Das Straßeninstandhaltungskommittee“ / „Die Straßeninstandhaltungskommission der lokalen Polizeibehörde“ / „Die Straßeninstandhaltungskommission der regionalen Polizeibehörde“ / „Das Komitee zur Instandhaltung der Straßen“. Nochmal Hmpf.
Frage: „If you want to break tug, what do?“. Antworten: “First twist, then tug” / “Yes” / “No” / “Wait doctor police”. Ganz Prima. 
Jetzt mal was was ich weiss: “A group of children wants to cross the street, what do you do?” – “Honk and wait” / “Honk and pass by as fast as you can” / “Pass by on the sidewalk so the children can cross the street without being harmed” / “Let the children cross the street”.
Leider habe ich nicht mitgeschrieben, viele Fragen waren sogar noch unterhaltsamer als ins englische übersetzte Speisekarten. Was ich noch weiß ist, dass es einige Male als mögliche Alternative die Option gab, die Tür zu öffnen und aus dem fahrenden Auto zu springen; dass man mehrmals ankreuzen musste das man das Ziel nicht überfährt und das diverse Aufgaben der örtlichen Parteiführung im Zusammenhang mit Verkehrsregeln abgefragt wurden. 
Am Ende bin ich natürlich (mit ca. 70 Punkten) durchgefallen. Macht nichts, als Ausländer durfte ich sofort wiederholen, ich sollte mein Gesicht nicht verlieren. Dieses mal 75 Punkte. Ich habe mir ausgerechnet wie oft ich es wohl probieren muss, bis ich wirklich 90 Punkte habe – und dann erst mal aufgegeben.
Also, eine Woche später Anlauf Nummer 5. Dieses mal ganz auf Nummer sicher. Reguläre Prüfung auf chinesisch, Guo (unser Fahrer aus der Firma, er sollte die Regeln ja kennen) als „Übersetzer“. Mit uns warten ca. 30 Chinesen auf ihre Prüfung und büffeln Last-Minute die Fragenkataloge, aber ich (Ausländer) bin dann doch zuviel der Ablenkung, der Aufseher bittet mich, woanders zu warten. Zu Beginn der Prüfung versuchen dann alle 30 Prüflinge zur selben Zeit durch die eine schmale Tür zu gehen und setzen sie sich dann jeder an ein Terminal. Erst jetzt bemerkt der Aufseher, dass die Terminals nummeriert sind und keine freie Platzwahl herrscht, also allgemeines Durcheinander bis dann jeder an seinem zugewiesenen Platz sitzt. Ich muss alleine (mit Guo) in die letzte Reihe, damit ich niemanden störe. 
Nun… kaum zu glauben… aber ich bestehe die Prüfung mit 91 Punkten! Dann war’s das jetzt? Ich bekomme noch ein Formular mit rotem Stempel ausgehändigt, das muss ich dann wieder an einem Schalter abgeben (wieder beim Vordereingang, bei den zermatschten Radfahrern). Wann kriege ich meinen Führerschein? – Da fehlt noch die Übersetzung. Welche Übersetzung, ich hatte doch die Übersetzung meines deutschen Führerscheins schon abgegeben? Die Übersetzung meines Reisepasses. Und meine Aufenthaltserlaubnis für China muss ich auch übersetzen lassen. Den Pass übersetzen? Und die Aufenthaltserlaubnis ist doch schon zweisprachig (chinesisch und englisch)? Ja, da kann die Dame auch nichts machen, das steht hier so und ich muss die Übersetzung beibringen. Und jetzt soll ich bitte gehen.
Also gut, was soll’s… ich sitze klar am kürzeren Hebel, also lasse ich meine zweisprachige Aufenthaltserlaubnis ins chinesische übersetzen. Geht doch alles wenn man nur will.
Und jetzt das Finale: