Montag, 20. Juli 2009

High in the mountains

Suedlich von Xi'an gibt es wunderschoene Berge. Auf den Gipfeln Tempel, auf dem Weg nach oben Kloester. Aber was machen die Moenche und Nonnen da nur den ganzen Tag? Meditieren? Wird das nicht auf Dauer langweilig?

Ich denke schon... am Rand des Gartens eines buddhistischen Nonnenenklosters fand sich jedenfalls diese nette Plantage:


Ich wuensche gute Erleuchtung!

Ja... Nein... Jein!

Man lernt das ja in jedem interkulturellen Training: Chinesen sagen nicht gerne "nein". Auch schlechte Nachrichten ueberbringt man nicht gerne, lieber wird das Problem versteckt und man hofft, dass es sich von selbst loest (oder zumindest niemand was merkt bis man sich aus dem Staub gemacht hat). Das kann im Arbeitsalltag ganz schoen anstrengend sein, aber im Alltag macht es zuweilen sogar Spass.

Letzte Woche auf Dienstreise in Jinan. Unser Hotel liegt mitten im Industriepark, Dank des Mangels an jeglicher Infrastruktur im Hotel und um das Hotel herum kann man sich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren. Trotzdem wuerden wir am Abend gerne noch ein Bier trinken und erkundigen uns an der Rezeption. Hier im Haus geht nichts, aber gleich um die Ecke soll es noch ein Hotel mit einer Bar geben. Also gut, Taxi herangewunken, aber der Fahrer kennt das andere Hotel nicht. Auf unsere Bitte erklaert ihm das Maedel von der Rezeption den Weg.

Fuenf Minuten spaeter kommen wir am anderen Hotel an. Ein Hotelangestellter oeffnet uns die Fahrzeugtuer, und als wir ihn gleich nach der Bar fragen schaut er erst etwas betreten, schickt uns dann jedoch in die Eingangshalle. Wieder fragen wir nach der Bar... Die Dame von der Rezeption meint sie sei sich nicht sicher, ob es hier wirklich eine Bar gibt. Haeh? Aber OK, wir fragen nochmal nach, schliesslich hatte uns der Angestellte von draussen ja bestaetigt dass es eine Bar gibt. "I am not so sure about this". Wir gehen nochmal raus und lassen uns bestaetigen, dass es drinnen eine Bar gibt. Und als Auslaender sind wir beharrlich, wir bringen jetzt die Rezeptionsdame und den Angestellten von draussen zusammen, um das Problem zu loesen. Die beiden diskutieren eine Weile, koennen aber anscheinend auch nicht rauskriegen ob es drinnen jetzt eine Bar gibt oder wo sich diese gerade versteckt haelt. Nach einer Weile klopfen wir hoeflich an; die beiden wenden sich an ihr Management. Und weiter wird diskutiert.

Auch dieses Hotel liegt in der Mitte von nirgendwo, und wir fuerchten, dass unser Taxifahrer nicht auf uns wartet wenn wir uns nicht bald entscheiden zu bleiben oder ihn fuer eine Stunde spaeter wieder herzubestellen. Die Diskussion zwischen den Hotelangestellten ob es jetzt eine Bar gibt oder nicht findet immer noch kein Ende, vielleicht schauen sie gerade hinter jeder Tuer nach ob da nicht doch eine ist. Ausserdem schauen sie immer wieder zu uns, in der Hoffnung, dass wir (und damit das Problem) einfach verschwinden.

Aber wie gesagt, wir sind ja Auslaender, und deshalb fragen wir nochmal: Hat das Hotel jetzt eine Bar oder nicht. Das restliche Personal tritt den Rueckzug an, nur der Manager bleibt und schaut betreten zu Boden. Nein, es gibt leider keine Bar, er ist deeply sorry und ueberhaupt. Und nein, auch sonst gibt's in der Gegend nichts.

Traenen lachend fahren wir in einen kleinen Supermarkt und verbringen den Abend mit Dosenbier im Hotelzimmer meines Chefs.

Sonntag, 19. Juli 2009

Sonntag, 7. Juni 2009

Es geht ein Zug... (oder auch nicht)

China hat das längste und bestausgebaute Schienennetz der Welt. Bei potentiell 1.4*0^9 Passagieren (und zumindest an Neujahr fährt ein Viertel davon wirklich Zug...) gelangt es allerdings trotzdem schnell an der Grenze seiner Belastbarkeit.

Wir wollten auch mal Zug fahren, und zwar nach Pingyao. Das ist eine mittelalterliche Stadt zwischen Xi'an und Taiyuan:


In Pingyao gibt keinen Flughafen, aber es gibt einen Bahnhof; und es gibt eine direkte Verbindung nach Xi'an. Was also liegt näher als den Zug zu nehmen? Nun ja, da gibt es noch das kleine Problem mit dem Fahrkartenkauf. Nicht die Sprache... das kriegen wir mittlerweile hin, und im Zweifelsfall findet sich ein chinesischer Freund zum Übersetzen. Nein, Chinesen haben wirklich ein unglaubliches Talent sich das Leben ohne Grund möglichst schwer zu machen.

In Xi'an gibt es ca. 20 Verkaufsstellen für Zugtickets, alle sind per Computer vernetzt. Sie haben jederzeit den Überblick, wie viele Tickets für welchen Zug noch erhältlich sind. Leider kann man die Fahrkarten nicht beliebig im voraus kaufen, die Vorverkaufsfrist beträgt zwischen 3 und zwanzig Tagen, je nach Zug, Bahnhof und Datum. Eine deterministische Formel für die Frist habe ich noch nicht gefunden, man muss halt nachfragen. Und zwar jeden Tag, ansonsten verpasst man schnell den Übergang von „hai mei you“ (gibt's noch nicht) zu „mei you le“ (gibt's nicht mehr)...

Der nächste Haken: An allen Vorverkaufsstellen erhält man Tickets für Züge von Xi'an nach anderswo. Die Rückfahrkarten bekommt man allerdings nur an der Vorverkaufsstelle am Hauptbahnhof. Da helfen alle Computer nichts. Bis vor kurzem gab es Rückfahrkarten nur am Zielort, das mit dem Verkauf am Bahnhof ist schon eine deutliche Verbesserung. Der Bahnhof ist allerdings am anderen Ende der Stadt, und man müsste ja jeden Tag hin, bis es dann endlich mal Fahrkarten gibt. Nervig. Aber in China gibt es immer einen Ausweg, man kann einen „Agent“ beauftragen, für eine kleine Gebühr den Fahrkartenverkauf zu übernehmen. Der steht dann wahrscheinlich jeden Tag mit seinem Auftragsbuch in der Schlange. Ausserdem ist der Weiterverkauf von Fahrkarten illegal, aber das betrifft ja nur den Agenten und der wird das schon regeln.

Aber noch was: Rückfahrkarten gibt es nur ab der Endstation. Pingyao ist ein kleiner Provinzbahnhof, und natürlich enden hier keine Züge. Nein, einfach ab der nächsten größeren Stadt buchen geht auch nicht, denn nach maximal einer Stunde werden unbesetzte Plätze weiterverkauft (von Taiyuan sind es nach Pingyao eine Stunde und 5 Minuten).
Also... aufgegeben und Flug nach Taiyuan gebucht, ist ohnehin nur unbedeutend teurer. Von Taiyuan nach Pingyao ist es nur eine Kurzstrecke, sollte zu schaffen sein.

Am morgen nach der Ankunft in Taiyuan... der Flug von Xi'an (50 Minuten) hatte 6 Stunden Verspätung „due to Airline“, sodass wir erst nachts um 1 im Hotel ankamen. Im MaiDengLou neben dem Hotel (24 Stunde Service, Hahaha) gab es zu der Zeit nur noch süße Kuchen und Chickenburger, also hungrig ins Bett und am nächsten Morgen schlechtgelaunt aufgestanden. Dann noch das mit Jennifer Rush, siehe unten... also, ab zum Bahnhof, Fahrkarten kaufen. Am Bahnhof das erwartete Chaos. Eine Anzeigentafel zeigt, für welche Züge es noch Tickets gibt.


Ich hatte zwar im Netz recherchiert, dass es alle halbe Stunde einen Zug gibt, aber wir müssen erstmal mehrere Stunden auf einen freien Zug warten. Und unser Zugticket enthält neben der Wagennummer die beiden Zeichen 无座, was nichts anderes heißt, als dass wir trotzdem keinen Sitz garantiert haben.

Beim Betreten des Bahnhofs werden erstmals die Fahrkarten kontrolliert, das Gepäck wird durchleuchtet. Es gab wohl Fälle, in denen Chinesen mit mehreren Kilo Feuerwerk bepackt den halben Zug in die Luft gejagt haben, das will man in Zukunft vermeiden. Im Bahnhof gibt es dann einen Warteraum für die Reisenden im Soft Sleeper und 4 große Wartesäle für die Normalsterblichen. Nein, keine freie Platzwahl, der Wartesaal hängt vom Zug ab. Ist aber alles klar ausgeschildert:


Im Wartesaal geht es zunächst noch zivilisiert zu, aber der Anschein trügt. Schließlich sind wir in China. Die Stimmung ist in etwa wie bei einem Rockkonzert vor Öffnung der Eingangstüren, und um das erwartete Chaos abzumildern steigen ein paar Schaffner schonmal durch die Massen und entwerten die Tickets.


Als die Türen zum Bahnsteig dann endlich aufgehen (nur für jeweils einen Zug) drängt sich die Masse durch die kleine Eingangstür, danach wird so schnell es geht losgerannt. Wie gesagt, wie bei einem Rockkonzert wenn man in die erste Reihe möchte.


Der Grund ist klar, wer zuerst am Wagen ist kriegt einen Sitzplatz, und wie in China üblich – der stärkere siegt. Als 1,94m großer Ausländer bin ich hier klar im Vorteil (zumal sie eh Angst haben, mich anzurempeln) – wir ergattern also einen Sitzplatz. Der Zug ist eigentlich ganz bequem, es werden Essen und trinken verkauft, und für eine einstündige Fahrt lässt es sich aushalten. Bis auf die Musik... siehe unten.



Nach der Ankunft wird man von chinglischen Schildern zum Ausgang geleitet und muss noch einmal seine Fahrkarte vorzeigen, dann hat man es geschafft.


Wir wollen uns jedoch am Bahnhof gleich noch die Rückfahrkarte nach Taiyuan kaufen. Die Szene ist dieselbe wie in Taiyuan, eine überfüllte Schalterhalle, eine Anzeigetafel - und Rückfahrtickets für zwei Tage später sind alle schon ausverkauft. Aber es gibt eine Überraschung. An den Schaltern stehen alle geordnet in Schlangen, die Wartezeit beträgt ca. ½ Stunde. Eine Frau läuft seelenruhig an der Schlange vorbei und geht direkt zum Schalter. Keine ungewöhnliche Situation; normalerweise lösen sich spätestens jetzt alle Warteschlangen auf und die hinten stehenden Leute versuchen ebenfalls zum Schalter zu kommen, das Ganze endet im üblichen Chinesenknäuel. An Flughäfen, Bushaltestellen, Banken, bei Ärzten – wo auch immer man sich anstellen könnte gibt es irgendwann ein großes Gewusele. Aber nicht hier. Die Frau läuft zum Schalter, und ein Mann in der Schlange schreit sie an. Sie ignoriert das, mehr Leute schreien sie an. Sie ignoriert es immer noch, bis jemand aus der Schlange nach vorne rennt und sie mit Gewalt vom Schalter wegzerrt. Sie kreischt kurz, und andere aus der Warteschlange versuchen den Wegzerrer zu beruhigen, der anfängt auf die Frau einzuschlagen. Die Frau drängt sich wieder seelenruhig zum Schalter vor und ignoriert das Geschrei, ignorieren können sie gut hier. Uniformierte Aufseher beobachten das Ganze und greifen nicht ein, der Fall war wohl in der Job Description nicht vorgesehen. Am Ende sind wir genau da wo es wohl enden musste: Gewusel und Chaos.

Pingyao war dann ganz schön, eine der wenigen mittelalterlichen Städte, die den Modernisierungswahn der 80er und 90er überstanden haben. Und ebenso die Kulturrevolution, die Statuen hatten alle noch Köpfe.


In der Stadt gibt es merkwürdige Regeln. Drachen müssen hier nörgeln:


Die Innenstadt sollte eigentlich auto- und fahrradfrei sein, man hat freundliche Hinweisschilder aufgestellt und (weil sowas in China niemals ausreicht) die Straßen mit Barrieren abgesperrt. Wenn jemand eine Idee für eine Absperrung hat, die Fußgänger durchlässt, aber Fahrräder draußen hält – bitte bei den Stadtvätern von Pingyao melden.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Mir kleben die Ohren

Ich habe heute bruellend laut meine Best-of-ACDC gehoert, danach die neue Metallica, und zum Abschluss noch Depeche Mode. Das war wie eine erfrischende Dusche nach einem Bad in Jauche. Wieso? Nun, am Wochenende sind wir mit dem Zug gefahren, in der billigsten Klasse, dem "Hard Seater". Der groesste Haken am Hard Seater ist allerdings nicht der harte Sitz, der ist vielmehr recht weich und ich habe in Deutschland schon unbequemer gesessen. Der groesste Haken ist der nicht abstellbare Lautsprecher in der Wagendecke. Dort werden immer die naechsten Stationen angesagt, das ist durchaus hilfreich da die Zuege nur kurz halten und wenige Zeit zum Aussteigen ist. Aber anscheinend koennen Chinesen Stille nicht ertragen oder sie muessen sich permanent versichern, dass die Krachanlage auch wirklich noch funktioniert. Und wie macht man das? Man spielt Musik. Non-Stop. Saxophon. Kenny G. Und der covert dann Rock-Klassiker wie Celine Dion, Richard Marx, Phil Collins und die Carpenters. Ohne Pause, stundenlang.

Beim Fruehstueck im Hotel vor der Abfahrt hatten wir schon eine Stunde "Power of Love" von Jennifer Rush gehabt. Im Original, ohne Kenny G. Immer wenn es zu Ende war ging es wieder von vorne los. So laut, dass man sich kaum unterhalten konnte.

Anders als Qimonda wird mein neuer Arbeitgeber keine Erschwerniszulage fuer den Aufenthalt in China zahlen... :-(

Freitag, 29. Mai 2009

Great Wall

China loben? Das passt wohl nicht ins Konzept. Blogspot ist mal wieder hinter dem Great Firewall of China verschwunden. Man kommt von hier nur noch unter groesseren Verrenkungen ran; bloggen geht nur sehr eingeschraenkt (lesen Dank "Great Ladder" etwas besser...).

Liebe Ober-Parteifuzzis, macht's doch bitte wieder auf. Das mit den Proxies ist echt laestig, haelt aber auch niemanden auf. Ich verspreche auch, in Zukunft nur noch lustige oder kritische Artikel zu schreiben und keinerlei Lob mehr ueber Euer Land auszusprechen. OK?

Freitag, 8. Mai 2009

I like chinese

Genug gemeckert. Ja, der Verkehr ist chaotisch, die Luft dreckig, die Menschen (oft) rücksichtslos. Aber es gibt doch eine ganze Menge Dinge, die hier besser funktionieren als in Good Old Europe. Einige Beispiele gefällig?

Beim Friseur (übrigens immer inklusive Kopfmassage vorher!) fallen keine Haare in den Kragen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das hinkriegen – aber der Haarschnitt zieht hier niemals Kratzen im Nacken oder Jucken am Rücken nach sich. Ich habe noch nicht einen einzigen Friseur in Deutschland gefunden, der das hin bekommen hat.

Am ersten Maiwochenende wollte ich mit dem Bus in die Berge. Dieselbe Buslinie fährt auch zur Terakotta-Armee, und da das Wetter schön war und am langen Maiwochenende viele Chinesen gerne einen kleinen Ausflug machen war ich nicht alleine an der Bushaltestelle. Die Warteschlange war einige hundert Meter lang und fasste tausende Menschen. Ihr habt richtig gelesen, es ist kein Tippfehler: Die Menschen standen in einer geordneten Schlange an (zugegebenermaßen Dank massiven Einsatzes von Ordnungskräften, aber immerhin). Die Busse kommen im Minutentakt, werden nur soweit gefüllt dass es drinnen noch angenehm ist und nach einer knappen halben Stunde ist die gesamte Menschenmasse völlig ohne Chaos abtransportiert. Wer mal erlebt hat wie vollkommen hilflos und unprofessionell die Münchner Verkehrsbetriebe jeden Samstag aufs Neue davon überrascht werden, dass etwas mehr Menschen als sonst am Odeonsplatz in die U-Bahn Richtung Stadium einsteigen wollen, der ist von der chinesischen Variante auf jeden Fall beeindruckt.

Überhaupt Busse... ja, sie sind oft ueberfuellt und nicht gerade in bestem Zustand. Aber dafür fahren sie auf allen Linien im Takt von wenigen Minuten. Und wieder schöne Gruesse an den MVV (ich würde jedenfalls auch in München lieber in einem rostigen Bus mit einer billigen Holzbank sitzen als im Regen auf ein frischlackiertes Edelfahrzeug mit Stoffsitzen zu warten, das nur alle 40 Minuten kommt, weil mehr Busse einzusetzen zu teuer wäre).

Eine 90-minütige Massage ist an unzähligen Orten für wenige RMB zu haben. 24 Stunden am Tag. Nichts anzügliches, einfach nur Wellness pur. Statt in die Kneipe geht man nach dem Abendessen gemeinsam zur Massage. Ein Jahr Internet-Flatrate übers Mobiltelefonnetz (3G) kostet weniger als 100 Euro. Gut, man ist dabei hinter der Great Firewall of China, aber dafür funktioniert Google Music. Und jetzt die logische Kombination: Es mag dekadent scheinen, während einer Fußmassage per Netbook zu surfen und die MP3-Sammlung zu erweitern. Aber es hat was.

Das am weitesten verbreitete Verkehrsmittel in der Stadt sind entgegen aller Klischees nicht klapprige Fahrräder und entgegen aller China-wird-zu-groß-Panik auch nicht private PKWs, sondern Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor und Elektroskooter. In Deutschland wird wahrscheinlich in 10 Jahren noch über die Innovation elektrischer Antriebe geredet während man sie hier einfach benutzt.

Anstatt Hunde auf die Straßen scheißen zu lassen isst man sie einfach auf. Zumindest in einigen Regionen. Ist der Köter erst mal im Hotpot kann er keinen Dreck mehr auf dem Bürgersteig hinterlassen.

Die Ampeln zeigen neben rot oder grün auch an, wie lange es noch bis zum Umschalten dauert. Das ist zwar hier vollkommen unerheblich (siehe Verkehr), wäre aber in Deutschland durchaus hilfreich. Und man spart sich dadurch das absolut überflüssige gelbe Licht („Ampel geht nicht“ kann man anstelle von Blinklicht übrigens auch durch „Licht aus“ visualisieren).

Die meisten Mädels tragen im Sommer kurze Röcke und Hosen. Sehr kurze. Und: Alle die dies tun können es sich auch leisten. Für Geschmacksverwirrungen bei der Wahl der Kleidung sind in China ausnahmslos die Männer zuständig (ich sage nur: dicker Bauch, T-Shirt bis zum Hals hochgezogen). OK, die eine Ausnahme (fleischfarbene Söckchen in eleganten Stöckelschuhen) lasse ich gelten. Aber das war's dann auch. Und siehe unten: 120 Millionen davon sind heiratswillig ;-)

Große Supermärkte und Einkaufszentren haben bis 22 Uhr geöffnet, kleine Läden länger, in den meisten Wohnanlagen gibt es einen 24-Stunden-Shop. Wenn man nicht selbst gehen möchte ruft man an, sie liefern an die Wohnungstür. Ohne Mindestbestellmenge, auch wenn's nur eine Tüte Nüsse oder eine Rolle Klopapier ist. Gerade letzteres kann lebensrettend sein wenn man mal wieder bei der Aufstellung der Einkaufsliste geschlampt hat... Banken, Post und Behörden haben natürlich am Wochenende auf, denn in der Woche müssen die Kunden ja selbst arbeiten. Für den nicht bei Ver.di organisierten Teil der Bevölkerung ist das jedenfalls angenehmer.

Es sind immer ausreichend Bedienungen im Restaurant vorhanden. Es kann sein, dass man zu Stoßzeiten mal ein paar Minuten aufs Essen warten muss, aber Speisekarte und Rechnung kommen immer prompt. Und auch hier wieder Grüsse an diverse Restaurants in München, schaut's Euch ruhig a bisserl was beim Chinesen ab! Jacken werden übrigens in besseren Restaurants mit Stoffbezügen gegen Essensgeruch oder Zigarettenqualm geschützt. Man bestellt das Essen gemeinsam, und jeder darf von allen Gerichten essen. Schön abwechslungsreich.

Niemand käme hier auf die Idee, an bestimmten Tagen laute Musik oder das Tanzen zu verbieten, nur weil vor knapp 2000 Jahren ein langhaariger Prediger im Nahen Osten hingerichtet wurde. Übrigens auch nicht weil ein Großer Vorsitzender gestorben ist.

Wenn Parks oder Gärten neu angelegt werden (oder auch nur Straßen und Bürgersteige verschönert), dann werden ausgewachsene Bäume eingepflanzt. Nach spätestens einem Jahr haben die auch wieder vollständiges Laub und spenden angenehm Schatten. Nicht so wie in Deutschland, wo man sich bei jeder vergleichbaren baulichen Maßnahme erstmal vorstellen darf, wie schön das Ganze doch in 20 Jahren erst aussehen wird wenn aus den kleinen Pflänzchen endlich richtig große Bäume geworden sind. Nein, in China ist ein Park nach Ende der Bau- und Pflanzungsarbeiten auch wirklich fertig.

Wenn jetzt jemand meint das sei alles zu positiv, der setzte sich bitte hin, bohre sich ein Loch ins Knie und gieße ein Glas Milch hinein. Wenn ich mal wieder in China zum Arzt muss, der Strom ausfällt, ich einem gelben LKW nur durch einen beherzten Sprung in eine Pfütze ausweichen kann oder einen Blick in den Amnesty-International-Jahresbericht werfe, dann jammere ich wieder. Aber es ist eben nicht alles nur schwarz und weiß.

Sonntag, 3. Mai 2009

Welcome to join the drop city activity

Wenn Chinesen Schilder ins Englische übersetzen ist das fast so lustig wie wenn sie autofahren. Manchmal sogar lustiger, und es gibt weniger Verletzte. Aber erstmal wieder ein Quiz:


Wofür werben diese Damen?
- Die Titelszene aus einem chinesischem Pornofilm (aka „Yellow Movie“)
- Plastiktulpen aus Holland
- Fleischliche Gelüste
Die Lösung wie immer am Ende dieses Eintrags.

Ihr kennt die T-Shirts und Tattoos mit chinesischen Schriftzeichen drauf, von denen keiner weiß was sie bedeuten? Nun, hier ist es ähnlich - vielen möchten einfach irgendwas westlich klingendes haben. Auf T-Shirts kann das sehr lustig sein; wenn das brave Schulmädchen ein enges rosa T-Shirt mit der Aufschrift "those are here to give you happy" auf dem Busen trägt (und sicher kein Wort davon versteht), dann bewundere ich jedenfalls den Humor des Texters. Und Geschäfte brauchen natürlich einen englischen Namen, auch wenn sie weder westliche Produkte anbieten noch ausländische Kunden als Zielgruppe haben (und natürlich auch kein englischsprachiges Personal angestellt haben; für Anfänger ganz schön verwirrend, wenn man in dem Gewusel chinesischer Schriftzeichen auf einmal einen „Shoe Shop“ entdeckt und ganz naiv davon ausgeht, dass man hier mit Englisch durchkommt).

Bei der Namenswahl ist Fantasie angesagt, so findet man im „Top 10“ nicht etwas Musik sondern Taschen, im „Sweet Face“ verkauft man Socken anstelle von... naja, ich weiß eigentlich auch nicht, was ich in einem Laden namens „Sweet Face“ erwarten würde. Und nein, 3R3H ist keine Lebensberatung sondern ein Restaurant.



Oft gibt es noch die Kunstworte. Klaatu barada nikto, aber jetzt erst recht:



„Ziction“ ist allgegenwärtig. Es gibt ein Ziction Hotel, ein Grand Ziction Restaurant, ein Ziction Building und vieles mehr. Falls jemand eine Ahnung hat was das heißen soll bitte bei mir melden, als Belohnung gibt es ein Buch aus dem Ziction Bookstore.

Aber wirklich schön wird es erst bei der ernstgemeinten Übersetzung aus dem chinesischen. Auf geprägten Schildern, auf Werbezetteln, auf Plakatwänden von der Größe eines Tennisfelds: Damit es richtig professionell ist muss es auch auf waiguorensisch dastehen. Dem Chinesen gefällt's, den Ausländer unterhält's.

Manchmal ist die Übersetzung korrekt und ergibt Sinn. Manchmal aber auch nicht. Und ob sie hilfreich ist steht nochmal auf einem anderen Blatt:


Wie im gesprochenen Chinesisch ist oft auch hier die Kenntnis des Kontextes zum Verständnis zwingend notwendig.




An einem ungesicherten Berghang, neben einem See und am Eingang eines Fahrradkellers durchaus akzeptabel, oder?

Und als Deutscher kennt man sich mit Mülltrennung natürlich aus und hat auch hiermit keine Schwierigkeiten:


Neben dieser Variante sind übrigens für die rechte Hälfte des Mülleimers auch noch die Bezeichnungen „unrecycling“, "no reclaimed" und "can not" (dann neben "can") gebräuchlich. Der Abfall wird nachher ohnehin wieder gemischt, ist also egal.


Manchmal braucht man den Kontext auch unbedingt, um Missverständnisse zu vermeiden. So gibt es den „Spanking Wine“ in einer ganz gewöhnlichen Kneipe (und nicht etwa in einem SM-Studio).

Tja, und dann gibt es noch die echten Rätsel. Was wollen sie uns hier nur sagen? Scheint wichtig zu sein...



Wenn es dann zu rätselhaft wird ergänzt man es besser um Piktogramme. Der chinesische Text besagt wahrscheinlich "nicht aus dem Auto kotzen".


Irgendwann nimmt man es einfach nicht mehr wahr. Es tut dann nicht mehr weh. Das neue Restaurant "Super Century Steak City" steht direkt neben dem Friseur "Poet Beauty Saloon". Die Werbefirma gegenüber bietet „Graphics Context“ an. Und natürlich geht man zum Bezahlen der Telefon- und Gasrechnungen in den „Line Community Charges Supermarket“, weil die Banken diesen Service nicht anbieten.

Sie lernen übrigens jetzt auch französisch...



Ach ja, die Lösung:

Freitag, 1. Mai 2009

Goodbye Yellow Truck Road

Ich habe heute herausgefunden wo die gelben LKWs alle hinfahren. Im Osten Xi'ans wird ein künstlicher Berg aufgeschüttet. Im Sekundentakt kommen sie hier an und laden Erde ab, ein beeindruckender Anblick.



Daneben ein von den Japanern gespendeter Tempel (Betang), ein Bücherflohmarkt, Chinesen beim Picknick, Drachen, eine Ziegenhirtin.



Chinesische Vielfalt, mitten in der Stadt. Leider wird das Ganze demnächst wohl so aussehen:


Liebe Chinesen, ich will Euch nicht reinreden. Wenn es Euch gefällt, dann baut Euer Land so um wie Ihr wollt. Pflastert ruhig den Rest von Xi'an auch noch mit rot-weissen Betonbauten als Imitat gloreicher Zeiten zu. Aber wenn Ihr ausländische Besucher beeindrucken wollt mit der Vielfalt Eures Landes, mit Eurer Geschichte, mit Eurer Kultur - dann lasst bitte einfach einen Teil der Stadt davon verschont, OK?

Freitag, 17. April 2009

Komplimente

Um diesen Text zu relativieren möchte ich mit einem kleinen Quiz starten. In unserem Aufzug hängen Anzeigen. Eine für gutes Essen, die andere für ein Schönheit. Welche Menschen werben wohl für was?



In China ist es ganz wichtig, „Gesicht“ zu haben. Man kann sich selbst zum Beispiel „Gesicht“ geben, wenn man ein dickes aufgemotztes Auto fährt (die Fahrkünste sind dafür nicht relevant), eine Rolex trägt, in westlichen Restaurants essen geht (das schließt 麦当劳 ausdrücklich mit ein)oder teure Geschenke macht. Und man kann anderen „Gesicht“ geben indem man nette Dinge sagt. Klingt wie “loben” oder “Komplimente machen”, geht aber weit darüber hinaus.

In der ersten Woche meinte eine Kollegin zu mir, ich sei “very young”. Ich schaue etwas verdutzt... daraufhin holt sie ihren Übersetzungscomputer raus (den haben hier alle), tippt was ein und sagt “sorry, wrong word. You are very handsome”. Lächelt mich nochmal an und geht weiter.

In der Disco wird man auf der Tanzfläche von wildfremden Mädels mit “you dance so well and you are so handsome” angesprochen. Das härtet irgendwann ab. Trotzdem gibt es noch Überraschungen, etwa als ich mich kürzlich im Fitnessstudio ausruhe und der zweite Satz der jungen Dame, die sich neben mich setzt, ist “You are so strong! I watched you, you never make a break!”. Der Humor dieses Satzes sollte sich zumindest all denen erschließen, die mich persönlich kennen. Der erste Satz war übrigens “Hello!”.

Aber auch das lässt sich noch steigern. Kürzlich in einem Museum etwa 80 Kilometer westlich von Dunhuang, am Rande der Taklamakan-Wüste. Das Museum ist eine riesige Anlage, trotzdem gibt es nur wenige Besucher. Liegt wohl daran, dass der Ort etwas abgeschieden ist. Zwei junge Damen werden uns als Führer zugeteilt, die eine hat Ahnung und die andere spricht Englisch.

Allerdings ist die englischsprachige Führerin extrem nervös, wir sind wohl ihre ersten echten Ausländer. Sie hat Angstschweiß auf der Stirn und bekommt kaum einen Satz raus. Ich versuche also, sie zu beruhigen und lobe ihr Englisch (Gesicht geben!). Es wirkt, sie entkrampft sich und fragt (wie in China üblich) gleich mal ein paar persönliche Themen wie Beruf, Alter und Wohnort ab. Constanza schaut nur zu und grinst. Dann fängt die Führerin an, mir Gesicht zu geben: “You are so great!”. “Your Chinese is so good” (dabei muss sie mit ihrer Kollegin immer erstmal 2 Minuten diskutieren, um herauszukriegen was ich meine wenn ich versuche einen Chinesischen Satz zu sprechen). Später will sie meinen chinesischen Namen wissen (haben wir hier alle, meiner ist 穆乔治), und bevor ich intervenieren kann gibt ihr Constanza meine Visitenkarte mit dem Jobtitel: “Oh... You're a boss! You are so clever! And so great! I admire you!”. Ich beiße mir auf die Zunge um nicht zu lachen, Constanza grinst immer breiter. “You are so tall! And so handsome!”. Die Führung war dann gottseidank bald zu Ende.

Ach ja, das Quiz. Die Lösung:


China Girl

Kürzlich in der China Daily (englischsprachige Zeitung in China, von Stil und Inhalt her sehr chinesisch): Die Krise ist jetzt auch in China angekommen. Während früher noch 42.5% aller Chinesinnen einen Ausländer heiraten wollten sind es aufgrund der Weltwirtschaftskrise nur noch 16.8% (macht immer noch ~120 000 000 heiratswillige Frauen). Und während früher 72% aller Chinesen die Heirat einer Chinesin mit einem Ausländer „approvable“ fanden sind es jetzt wegen der Krise nur noch 54%. In der gedruckten Ausgabe war das ein Thema für die erste Seite.

Mittwoch, 15. April 2009

Links, rechts, vorne, hinten

Gestern beim deutschen Stammtisch in Xi’an stand mal wieder das Thema “Verkehr in China” auf der Tagesordnung. Erst die üblichen Witze und Kommentare, aber dann brachte es jemand gekonnt auf den Punkt: Chaotisch ist der Verkehr in Spanien oder Italien, wo alle versuchen, die Regeln zum eigenen Vorteil zu umgehen. In China hingegen funktioniert der Verkehr einfach anders. Und wenn man mal verstanden hat wie ist es gar nicht mehr so schwierig.

Dazu ein Beispiel, ein Fußgängerüberweg an einer Kreuzung. Platz ist ausreichend vorhanden, deshalb sind die Straßen in der Regel mehrspurig ausgelegt; hier zwei Spuren pro Richtung. Zudem gibt es baulich (meist durch Grünstreifen) abgetrennte Radwege. An Kreuzungen befinden sich Ampeln, an die sich die meisten motorisierten Verkehrsteilnehmer auch halten. Oft versucht auch noch ein Polizist in der Kreuzungsmitte regulierend einzugreifen; das beschränkt sich allerdings meist darauf, dass er den Fahrern hinterherflucht, denen er nur durch einen beherzten Sprung zur Seite ausweichen konnte. Hier die Skizze einer Straßenkreuzung in Xi’an:


Die Strasse zu überqueren ist für einen Fußgänger ganz einfach. Man schaut in alle (und ich meine wirklich: alle) Richtungen ob gerade ein Auto kommt; wenn ja schaut man in welche Richtung man ausweichen kann und macht dann einen Schritt in diese Ausweichrichtung. Mit überflüssigen Informationen wie der Farbe der Fußgängerampel braucht man sich dabei nicht zu beschäftigen. Kennt Ihr das Spiel Frogger? So ähnlich etwa. Nur hat man bei der Version hier nur 1 Leben.

Ich nehme einfach mal an, die Ampel sei für Fußgänger grün und für Autos rot. Wie gesagt, eigentlich unerheblich, nur als Beispiel. Die Teilnehmer:

Der Fußgänger. Weichziel, und (wenn nicht gerade Ausländer) von allen anderen Verkehrsteilnehmern ignoriert.

Dann: Der Linksabbieger aus der Seitenstrasse, seiner Ideallinie folgend (schwarz). Er bedroht den Fußgänger von links vorne. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich Chinesen auf Kreuzungen unwohl fühlen. Jedenfalls ist die Wegstrecke in der Regel so gewählt, dass die Strecke im Kreuzungsbereich minimal kurz ist. Oft hat sich der Linksabbieger (so wie im Beispielbild unten) zum Linksabbiegen rechts eingeordnet, sodass links neben ihm noch Platz für einen weiteren Linksabbieger ist. Dieser zweite Linksabbieger (rot) nutzt den auf der Kreuzung reichlich vorhandenen Platz um beim Abbiegen den ersten Linksabbieger zu überholen und bedroht den Fußgänger damit in etwa von vorne. Wenn er nicht vorher mit dem Rechtsabbieger kollidiert, siehe unten.

Nun zu den Teilnehmern aus der Hauptstrasse, deren Ampel zunächst rot zeigt. Das gilt allerdings nicht für Rechtsabbieger (lila), diese dürfen weiterhin fahren, so in etwa wie beim „grünen Pfeil“ in Deutschland. Allerdings wird dies hier in China als Grundrecht empfunden, und bremsen oder vorausschauend fahren ist somit nicht angesagt. Für den Fußgänger: Gefahr von rechts oder rechts hinten (falls sich der Rechtsabbieger zum Rechtsabbiegen links eingeordnet hat oder noch unerwartet an der roten Ampel haltende Geradeausfahrer überholen möchte). Außerdem besteht natürlich Kollisionsgefahr zwischen dem Rechtsabbieger und dem oben erwähnten Linksabbieger aus der Seitenstrasse. Die Kreuzungen sind riesig, die Kreuzungsfläche beträgt of 50m x 50m oder mehr, und es ist wirklich rätselhaft wie bei soviel Platz ein Linksabbieger aus der Seitenstrasse frontal in den Rechtsabbieger krachen kann. Aber es passiert regelmäßig, ich sehe es mehrmals pro Woche.

Und noch eine weitere Gefahr droht von rechts: Der Geradeausfahrer, der sich für das Umschalten der Ampel schon mal an der Pole Position einordnen möchte (rosa). Oft sind das auch mehrere Fahrzeuge, die sich dann durch Ineinanderkrachen noch vor der Kreuzung gegenseitig aus dem Verkehr ziehen, aber da kann man sich eben nicht drauf verlassen.

Die letzte Gefahr von rechts, gleichzeitig auch die erste Gefahr von links: Der Taxifahrer, der in der Gegenrichtung einen wartenden Fahrgast und auf der anderen Seite der Kreuzung ein weiteres Taxi erspäht, das den Fahrgast ansonsten wegschnappen würde. Und deshalb lieber schnell in großem Bogen wendet (grün).

Zweite Gefahr von Links: Busse (blau). Wie erwähnt ist Rechtsabbiegen auch bei roter Ampel erlaubt, und der Wechsel von der Hauptfahrbahn auf den Radweg fällt anscheinend auch unter diese Regelung. Da Busse sich generell auf dem Radweg wohlfühlen nutzen sie diese Gelegenheit, die Verzögerung durch die rote Ampel zu minimieren. Das können Busse in alle Größen sein, von Kleinbussen bis zu Doppeldeckern, die sich bei diesem Fahrmanöver bedenklich in die Kurve neigen. Gebremst wird nicht, gehupt auch nicht. Busse haben meistens einen Außenlautsprecher, der kontinuierlich den Satz „Achtung hier ist ein Bus, Vorsicht!“ aufsagt.

Last but (definitely!) not least: Der gelbe LKW (gelb). Gelbe LKWs verhalten sich so wie in Europa Eisenbahnzüge. Sehr berechenbar, genau der vorgegebenen Linie folgend und in ihrem drang voran von nichts (auch nicht von Ampeln) aufzuhalten. Der gelbe LKW folgt auch hier einfach seiner Ideallinie. Seine Hupe ist sehr laut. Unfälle mit gelben LKWs sind recht selten, weil alle anderen Verkehrsteilnehmer darauf achten und ggf. ausweichen (wer diese Lektion nicht sehr schnell lernt ist sicher bald kein Verkehrsteilnehmer mehr).


Dieses Beispiel sollte auch verdeutlicht haben, warum die Farbe der Fußgängerampel keine große Rolle spielt. Genau genommen kann das Überqueren bei Rot sicherer sein, da dann zumindest die Gefahren von vorne und links vorne entfallen (oder zumindest unwahrscheinlicher werden, verlassen würde ich mich darauf nicht). Das Einzeichnen aller in diesem Fall möglichen Trajektorien bleibt dem Leser als Übungsaufgabe selbst überlassen. Ebenso irrelevant sind übrigens die Zebrastreifen. Wenn ich an die diagonal gegenüberliegende Straßenecke möchte, dann überquere ich die Kreuzung eben diagonal.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht eingezeichnet ist im der Zeichnung oben übrigens der Scooterfahrer, der den Fußgänger von hinten bedroht. Ich hatte ja gesagt alle Richtungen. Alle Richtungen? Nun ja, offene Gullideckel sind keine Seltenheit, ich zähle das mal als „unten“. Aber „oben“… keine Ahnung… da schaue ich auch nicht hin. Also: Beim Überqueren der Strasse einfach in alle Richtungen (außer nach oben) schauen, dann wird’s schon klappen. Und nicht von ineinanderkrachenden Autos ablenken lassen, denn dann übersieht man die Gefahr aus einer anderen Richtung und wird selbst zum Opfer.

Keine Angst, nach ein paar Tagen Xi’an hat man raus wie das geht. Oder ist tot. Oder Stubenhocker, der sich nicht mehr vor die Tür traut.

Freitag, 10. April 2009

No Sports?

Nachtrag zum Thema Fitness: Mein Kollege hat gestern ein anderes Fitnessstudio besucht. Er hat ihnen aber klar gemacht, dass er nur eine monatliche Mitgliedschaft abschließen möchte, damit nicht wieder so was passiert wie im Powerhouse. Die Dame am Empfang wird hellhörig: Powerhouse? Aber dann kann er doch mit seiner Mitgliedskarte umsonst hier hin. Muss nur mit seinem Vertrag vorbeikommen und ihn umschreiben lassen. Wo ist der Haken?

Am nächsten morgen gehen wir mit Wenna vorbei um den Papierkram zu erledigen. Ja, Karte kann man umschreiben lassen. Kostet nichts. Und die durch die chinesischen Goldmedaillen ehrlich verdienten Gratismonate werden auch übernommen. Wieso habe ich nicht verstanden, muss ich aber auch nicht. Stand wahrscheinlich in einer der ca. 10 chinesischen SMS die ich pro Tag kriege und mittlerweile ungelesen lösche weil es sowieso nur Werbung ist. Egal. Fitness ist also bis Ende 2010 gesichert, jetzt muss nur noch das Ende meines Chinaaufenthalts lange genug reichen.

Und wie ist es dort so? Siehe unten. Nur alles noch größer, noch lauter. Beim Spinning gibt es Varilights und richtige Stroboskope. Die Musik ist etwas Abwechslungsreicher, heute habe ich zu „Rein-Raus“ von Rammstein gestrampelt. Und noch eine Premiere: Zum ersten Mal sehe ich einen Rückwärtsgeher (genauer: eine Rückwärtsgeherin, um die Mitte zwanzig) auf einem Laufband. Rückwärtsgehen ist in China aus irgendeinem Grund weit verbreitet, und noch rätselhafter als die Tatsache dass manche Leute es tun ist wie sie es bei den dortigen Verkehrsverhältnissen überleben. Normalerweise gehen die Leute allerdings auf der Straße rückwärts, nun eben auf dem Laufband. Der Fortschritt macht nicht halt...

Samstag, 4. April 2009

Only in China...

Noch ein Grund warum ich ab und zu China wirklich mag: Die Links in
Google Music funktionieren hier. Auch die Downloadlinks. 1A Qualität. Kostenlos und vollkommen legal.

Nicht, das das mit der Legalität ein entscheidendes Kriterium wäre, aber es spart einem zumindest den Weg in den einzigen Laden mit erträglicher Musikauswahl. Der liegt nämlich im Süden der Stadt, in den Raubkopiegeschäften um die Ecke gibt es an westlicher Musik nur Yannie, Richard Clayderman, Celine Dion, Celine Dion, Celine Dion und wenn es ganz wild wird neben der neuen Platte von Celine Dion noch Take That und Michael Jackson. Siehe auch die aktuelle Hitliste Western Music (ja, es ist wirklich so schlimm; Richard Clayderman und Yannie halten sich hartnäckig in den Top40).

Der einzige kleine Haken: Bekanntlich nutzt Google in China ja spezielle Filtereinstellungen. Die letzte Platte von Guns'n Roses finde ich nicht. Liegt wohl am Namen des Albums...

Donnerstag, 2. April 2009

Frier' oder stirb!

Mitte März, draußen 10 Grad und gefühlte Kaltwassertemperatur unter der Dusche 3cm. Wir kommen an einem Dienstag von einem Trip nach Nanjing zurück, und am nächsten morgen gibt es nur kaltes Wasser. Nichts besonderes, kommt öfters vor, die morgendliche Dusche fällt entsprechend kurz aus. Sicherheitshalber bitte ich Gwen, doch mal kurz bei der Hausverwaltung anzurufen und nachzufragen ob das warme Wasser denn heute Abend oder erst morgen Früh wiederkommt. Resultat: Es wird etwas länger dauern. Ein Baggerfahrer hat die vom Heizkraftwerk kommende Warmwasserleitung zerdeppert, und da Chinesen sowieso lieber in öffentliche Duschen gehen ist die Reparatur auch nicht sonderlich eilig. Ungefähr bis Mitte April könne es schon dauern. Aber ich könne ja für vier Wochen in ein Hotel ziehen.

Ich bin bekennender Warmduscher. Nach ein paar Tagen macht es wirklich keinen Spaß mehr. Wir weisen die Vermieter freundlich darauf hin, dass wir für unsere über 500 Euro Miete gerne warmes Wasser hätten. Dieser Wunsch stößt nicht unbedingt auf Verständnis, Priorität aus Sicht der Vermieter ist vielmehr die Verlängerung des Mietvertrags (wegen Firmenpleite zum Ende Mai gekündigt). Wir erklären Ihnen, dass Ausländer einfach anders sind, insbesondere ohne warmes Wasser aus der Dusche nicht lebensfähig. Unsere Vermieter finden das sehr lustig, erkennen aber doch die Notwendigkeit einen Warmwasserbereiter zu installieren. Prima, ab Montag wieder warm duschen!

Montagabend hängt ein Warmwasserbereiter im Bad. Das Kabel war leider etwas kurz, aber man weiß sich ja zu helfen:


Die (unter Strom stehende) Steckdose hängt (nur durch den Stecker gehalten) frei über der Dusch/Badewanne. Interessante Konstruktion. No Risk = No Fun.


Vermieter und Installateur sehen bis heute keine Notwendigkeit für weitere Optimierung. Ausländer sind halt zu pingelig. Und außerdem kann ich die freie Steckdose ja für was anderes nutzen. Aber wenn ich wirklich Angst vor Strom habe soll ich doch einfach eine Plastiktüte um die Steckdose wickeln.

Heute Abend steht übrigens ein neues Schild am Eingang. Ich kann kaum was lesen, erkenne aber die Zeichen für Wasser, für geht nicht, für 40 Tage und für 20. Mai…

No Sports

Alle sind pleite. Kürzlich ruft mich ein Kollege an: Du wirst es nicht glauben, Powerhouse (das Gym mit der netten Technomusik) ist pleite. Was??? Naja, Constanza hatte mich zwei Stunden vorher schon angerufen und meinte da steht so ein Schild davor und alles ist zu und kein Licht... wird also wahr sein. Wir hatten gerade zwei Monate zuvor einen Jahresvertrag abgeschlossen, und Powerhouse hatte (stolz wie sie nunmal sind, siehe auch "Eisskulpturen") für jede Goldmedaille Chinas noch mal 14 Tage Gratismitgliedschaft draufgelegt. Sport sollte also bis zum Ende meines China-Aufenthalts gesichert sein.

Am nächsten Tag verbreite ich die Nachrichten von der Powerhouse-Pleite in der Firma. Was soll's? Eine Pleite mehr, man gewöhnt sich an schlechte Nachrichten. Ann aus der Personalabteilung kann das nicht glauben, auch sie hat erst vor kurzem einen Vertrag mit Powerhouse abgeschlossen. Kurzer Anruf: Nein, sie sind nicht pleite, sie haben nur gerade keinen Strom. Da hat wohl mein Kollege den Unterschied zwischen "blackout" und "bancrupt" nicht richtig verstanden... ich spaziere noch schnell bei seiner (chinesischen) Freundin vorbei und mache mich über seine Sprachkenntnisse lustig, und sie bestätigt mir dass er wohl nur eine Ausrede für "no Sports" sucht :-)

Eine Woche später ist immer noch kein Strom da. Nochmalige Anfrage ergibt, dass der Vermieter dem Gym den Strom abgestellt hat, gerüchteweise aufgrund unbezahlter Rechnungen.

Zwei Tage später erreicht man im Powerhouse niemanden mehr. Geld ist weg, Gym ist zu.

Mittwoch, 11. März 2009

Ich mag Musik nur wenn sie laut ist

Gestern Mittag, in einem Wohngebiet. Ich habe Heißhunger auf RouJiaMo (wer es einmal gegessen hat wird verstehen warum), aber zu der Uhrzeit bin ich nicht der einzige Kunde und muss etwas warten. Auf einmal ertönt draußen laute Musik mit tiefem Bassgewummere. Klingt eigentlich vertraut, wie wenn in Deutschland ein mit Lautsprecherboxen vollgestopftes Auto mit runtergekurbeltem Fenster an einem Cafe vorfährt. Die Musikauswahl ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, eine Coverversion von „El Condor Pasa“, eine Techno-Variante von „Lemontree“ und ein Schmachtfetzen aus einem der La Boum Filme (an die Jüngeren unter Euch: fragt jemanden der in den 80ern so um die 15 war… Sophie Marceau und so...), an dessen Titel ich mich zum Glück nicht mehr erinnern kann. Und die Quelle der Musik ist auch kein Auto, sondern ein Mofa mit seitlich neben dem Gepäckträger hängendem Lautsprecher:


Jedes Lied wird kurz angespielt, nach 30 Sekunden beginnt das nächste Stück. Es ist ein fliegender CD-Händler, und wirklich - die Passanten strömen zahlreich auf die Quelle des Krachs zu (Laut? Muss ja interessant sein!) und kaufen dann die selbstgebrannten CDs. Ein kleines Kind ist ob des Spektakels ganz aufgeregt, zerrt an seiner Mama und zeigt immer wieder auf das laute Mofa. Und die Mutter? Will das Kind nicht gehen lassen, stattdessen versucht sie die Aufmerksamkeit des Kindes auf etwas noch interessanteres zu lenken: Einen RouJiaMo-essenden Ausländer mit einem Elektroscooter ☺

Montag, 9. März 2009

Kultur und Abenteuer

Am Wochenende wollten wir mal etwas Kultur und Abenteuer verbinden. Mit anderen Worten: Ein Museum besuchen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinfahren. Die Buslinien sind im Stadtplan eingezeichnet, aber natürlich haben sich die Nummern und Streckenführungen der Busse seit dem Erscheinen unseres Plans komplett geändert. Die Fahrpläne an den Haltestellen sehen in etwa so aus:


Unser Ziel finde ich da zwar nicht, aber anhand der wenigen mir bekannten Schriftzeichen finden wir wenigstens einen Bus in die richtige Richtung. Anfangs noch angenehm leer (alle Sitzplätze belegt, ca. 20 Personen stehen) wird der Bus nach wenigen Haltestellen so richtig schön voll. Über die Bordlautsprecher läuft laute klassische Musik, immer wieder unterbrochen von der Aufforderung, doch bitte nach hinten durchzugehen (Gerne! Dazu müssten sich allerdings die 50 Leute im hinteren Teil irgendwie in Luft auflösen…).

Nahe am Ziel kommt der Bus nicht weiter und wir steigen aus. In Xi’an wird gerade eine U-Bahn gebaut, und die Hauptverkehrsstraßen haben sich in Großbaustellen verwandelt. Von einer Brücke bekommt man einen schönen Einblick:


Ein Arbeiter steht (ungesichert) auf einem Absatz in 10 Meter Höhe und entfernt Erdreste


Irgendwann wird es zu eng, aber zum Glück gibt es ja hilfsbereite Baggerfahrer



Rund um die Baustelle das übliche Verkehrsgewusele (haben wir jetzt Links- oder Rechtsverkehr? Eigentlich egal…)


Während sich die Fußgängermassen über Brücken quälen.


Von der Baustelle ist man zu Fuß in zehn Minuten am Museum. Der Eintritt ist frei, aber ein Ticket braucht man trotzdem – und um Schwarzhandel vorzubeugen erhält man ein solches nur gegen Vorlage des Ausweises. Den haben wir natürlich nicht mit, also: Museum ein anderes Mal. Aber dem Treiben auf den Straßen Chinas zuzusehen ist selbst nach über einem Jahr hier immer noch die beste Unterhaltung.