Gestern beim deutschen Stammtisch in Xi’an stand mal wieder das Thema “Verkehr in China” auf der Tagesordnung. Erst die üblichen Witze und Kommentare, aber dann brachte es jemand gekonnt auf den Punkt: Chaotisch ist der Verkehr in Spanien oder Italien, wo alle versuchen, die Regeln zum eigenen Vorteil zu umgehen. In China hingegen funktioniert der Verkehr einfach anders. Und wenn man mal verstanden hat wie ist es gar nicht mehr so schwierig.
Dazu ein Beispiel, ein Fußgängerüberweg an einer Kreuzung. Platz ist ausreichend vorhanden, deshalb sind die Straßen in der Regel mehrspurig ausgelegt; hier zwei Spuren pro Richtung. Zudem gibt es baulich (meist durch Grünstreifen) abgetrennte Radwege. An Kreuzungen befinden sich Ampeln, an die sich die meisten motorisierten Verkehrsteilnehmer auch halten. Oft versucht auch noch ein Polizist in der Kreuzungsmitte regulierend einzugreifen; das beschränkt sich allerdings meist darauf, dass er den Fahrern hinterherflucht, denen er nur durch einen beherzten Sprung zur Seite ausweichen konnte. Hier die Skizze einer Straßenkreuzung in Xi’an:

Die Strasse zu überqueren ist für einen Fußgänger ganz einfach. Man schaut in alle (und ich meine wirklich: alle) Richtungen ob gerade ein Auto kommt; wenn ja schaut man in welche Richtung man ausweichen kann und macht dann einen Schritt in diese Ausweichrichtung. Mit überflüssigen Informationen wie der Farbe der Fußgängerampel braucht man sich dabei nicht zu beschäftigen. Kennt Ihr das Spiel Frogger? So ähnlich etwa. Nur hat man bei der Version hier nur 1 Leben.
Ich nehme einfach mal an, die Ampel sei für Fußgänger grün und für Autos rot. Wie gesagt, eigentlich unerheblich, nur als Beispiel. Die Teilnehmer:
Der Fußgänger. Weichziel, und (wenn nicht gerade Ausländer) von allen anderen Verkehrsteilnehmern ignoriert.
Dann: Der Linksabbieger aus der Seitenstrasse, seiner Ideallinie folgend (schwarz). Er bedroht den Fußgänger von links vorne. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich Chinesen auf Kreuzungen unwohl fühlen. Jedenfalls ist die Wegstrecke in der Regel so gewählt, dass die Strecke im Kreuzungsbereich minimal kurz ist. Oft hat sich der Linksabbieger (so wie im Beispielbild unten) zum Linksabbiegen rechts eingeordnet, sodass links neben ihm noch Platz für einen weiteren Linksabbieger ist. Dieser zweite Linksabbieger (rot) nutzt den auf der Kreuzung reichlich vorhandenen Platz um beim Abbiegen den ersten Linksabbieger zu überholen und bedroht den Fußgänger damit in etwa von vorne. Wenn er nicht vorher mit dem Rechtsabbieger kollidiert, siehe unten.
Nun zu den Teilnehmern aus der Hauptstrasse, deren Ampel zunächst rot zeigt. Das gilt allerdings nicht für Rechtsabbieger (lila), diese dürfen weiterhin fahren, so in etwa wie beim „grünen Pfeil“ in Deutschland. Allerdings wird dies hier in China als Grundrecht empfunden, und bremsen oder vorausschauend fahren ist somit nicht angesagt. Für den Fußgänger: Gefahr von rechts oder rechts hinten (falls sich der Rechtsabbieger zum Rechtsabbiegen links eingeordnet hat oder noch unerwartet an der roten Ampel haltende Geradeausfahrer überholen möchte). Außerdem besteht natürlich Kollisionsgefahr zwischen dem Rechtsabbieger und dem oben erwähnten Linksabbieger aus der Seitenstrasse. Die Kreuzungen sind riesig, die Kreuzungsfläche beträgt of 50m x 50m oder mehr, und es ist wirklich rätselhaft wie bei soviel Platz ein Linksabbieger aus der Seitenstrasse frontal in den Rechtsabbieger krachen kann. Aber es passiert regelmäßig, ich sehe es mehrmals pro Woche.
Und noch eine weitere Gefahr droht von rechts: Der Geradeausfahrer, der sich für das Umschalten der Ampel schon mal an der Pole Position einordnen möchte (rosa). Oft sind das auch mehrere Fahrzeuge, die sich dann durch Ineinanderkrachen noch vor der Kreuzung gegenseitig aus dem Verkehr ziehen, aber da kann man sich eben nicht drauf verlassen.
Die letzte Gefahr von rechts, gleichzeitig auch die erste Gefahr von links: Der Taxifahrer, der in der Gegenrichtung einen wartenden Fahrgast und auf der anderen Seite der Kreuzung ein weiteres Taxi erspäht, das den Fahrgast ansonsten wegschnappen würde. Und deshalb lieber schnell in großem Bogen wendet (grün).
Zweite Gefahr von Links: Busse (blau). Wie erwähnt ist Rechtsabbiegen auch bei roter Ampel erlaubt, und der Wechsel von der Hauptfahrbahn auf den Radweg fällt anscheinend auch unter diese Regelung. Da Busse sich generell auf dem Radweg wohlfühlen nutzen sie diese Gelegenheit, die Verzögerung durch die rote Ampel zu minimieren. Das können Busse in alle Größen sein, von Kleinbussen bis zu Doppeldeckern, die sich bei diesem Fahrmanöver bedenklich in die Kurve neigen. Gebremst wird nicht, gehupt auch nicht. Busse haben meistens einen Außenlautsprecher, der kontinuierlich den Satz „Achtung hier ist ein Bus, Vorsicht!“ aufsagt.
Last but (definitely!) not least: Der gelbe LKW (gelb). Gelbe LKWs verhalten sich so wie in Europa Eisenbahnzüge. Sehr berechenbar, genau der vorgegebenen Linie folgend und in ihrem drang voran von nichts (auch nicht von Ampeln) aufzuhalten. Der gelbe LKW folgt auch hier einfach seiner Ideallinie. Seine Hupe ist sehr laut. Unfälle mit gelben LKWs sind recht selten, weil alle anderen Verkehrsteilnehmer darauf achten und ggf. ausweichen (wer diese Lektion nicht sehr schnell lernt ist sicher bald kein Verkehrsteilnehmer mehr).

Dieses Beispiel sollte auch verdeutlicht haben, warum die Farbe der Fußgängerampel keine große Rolle spielt. Genau genommen kann das Überqueren bei Rot sicherer sein, da dann zumindest die Gefahren von vorne und links vorne entfallen (oder zumindest unwahrscheinlicher werden, verlassen würde ich mich darauf nicht). Das Einzeichnen aller in diesem Fall möglichen Trajektorien bleibt dem Leser als Übungsaufgabe selbst überlassen. Ebenso irrelevant sind übrigens die Zebrastreifen. Wenn ich an die diagonal gegenüberliegende Straßenecke möchte, dann überquere ich die Kreuzung eben diagonal.
Aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht eingezeichnet ist im der Zeichnung oben übrigens der Scooterfahrer, der den Fußgänger von hinten bedroht. Ich hatte ja gesagt alle Richtungen. Alle Richtungen? Nun ja, offene Gullideckel sind keine Seltenheit, ich zähle das mal als „unten“. Aber „oben“… keine Ahnung… da schaue ich auch nicht hin. Also: Beim Überqueren der Strasse einfach in alle Richtungen (außer nach oben) schauen, dann wird’s schon klappen. Und nicht von ineinanderkrachenden Autos ablenken lassen, denn dann übersieht man die Gefahr aus einer anderen Richtung und wird selbst zum Opfer.
Keine Angst, nach ein paar Tagen Xi’an hat man raus wie das geht. Oder ist tot. Oder Stubenhocker, der sich nicht mehr vor die Tür traut.