Genug gemeckert. Ja, der Verkehr ist chaotisch, die Luft dreckig, die Menschen (oft) rücksichtslos. Aber es gibt doch eine ganze Menge Dinge, die hier besser funktionieren als in Good Old Europe. Einige Beispiele gefällig?
Beim Friseur (übrigens immer inklusive Kopfmassage vorher!) fallen keine Haare in den Kragen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das hinkriegen – aber der Haarschnitt zieht hier niemals Kratzen im Nacken oder Jucken am Rücken nach sich. Ich habe noch nicht einen einzigen Friseur in Deutschland gefunden, der das hin bekommen hat.
Am ersten Maiwochenende wollte ich mit dem Bus in die Berge. Dieselbe Buslinie fährt auch zur Terakotta-Armee, und da das Wetter schön war und am langen Maiwochenende viele Chinesen gerne einen kleinen Ausflug machen war ich nicht alleine an der Bushaltestelle. Die Warteschlange war einige hundert Meter lang und fasste tausende Menschen. Ihr habt richtig gelesen, es ist kein Tippfehler: Die Menschen standen in einer geordneten Schlange an (zugegebenermaßen Dank massiven Einsatzes von Ordnungskräften, aber immerhin). Die Busse kommen im Minutentakt, werden nur soweit gefüllt dass es drinnen noch angenehm ist und nach einer knappen halben Stunde ist die gesamte Menschenmasse völlig ohne Chaos abtransportiert. Wer mal erlebt hat wie vollkommen hilflos und unprofessionell die Münchner Verkehrsbetriebe jeden Samstag aufs Neue davon überrascht werden, dass etwas mehr Menschen als sonst am Odeonsplatz in die U-Bahn Richtung Stadium einsteigen wollen, der ist von der chinesischen Variante auf jeden Fall beeindruckt.
Überhaupt Busse... ja, sie sind oft ueberfuellt und nicht gerade in bestem Zustand. Aber dafür fahren sie auf allen Linien im Takt von wenigen Minuten. Und wieder schöne Gruesse an den MVV (ich würde jedenfalls auch in München lieber in einem rostigen Bus mit einer billigen Holzbank sitzen als im Regen auf ein frischlackiertes Edelfahrzeug mit Stoffsitzen zu warten, das nur alle 40 Minuten kommt, weil mehr Busse einzusetzen zu teuer wäre).
Eine 90-minütige Massage ist an unzähligen Orten für wenige RMB zu haben. 24 Stunden am Tag. Nichts anzügliches, einfach nur Wellness pur. Statt in die Kneipe geht man nach dem Abendessen gemeinsam zur Massage. Ein Jahr Internet-Flatrate übers Mobiltelefonnetz (3G) kostet weniger als 100 Euro. Gut, man ist dabei hinter der Great Firewall of China, aber dafür funktioniert Google Music. Und jetzt die logische Kombination: Es mag dekadent scheinen, während einer Fußmassage per Netbook zu surfen und die MP3-Sammlung zu erweitern. Aber es hat was.
Das am weitesten verbreitete Verkehrsmittel in der Stadt sind entgegen aller Klischees nicht klapprige Fahrräder und entgegen aller China-wird-zu-groß-Panik auch nicht private PKWs, sondern Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor und Elektroskooter. In Deutschland wird wahrscheinlich in 10 Jahren noch über die Innovation elektrischer Antriebe geredet während man sie hier einfach benutzt.
Anstatt Hunde auf die Straßen scheißen zu lassen isst man sie einfach auf. Zumindest in einigen Regionen. Ist der Köter erst mal im Hotpot kann er keinen Dreck mehr auf dem Bürgersteig hinterlassen.
Die Ampeln zeigen neben rot oder grün auch an, wie lange es noch bis zum Umschalten dauert. Das ist zwar hier vollkommen unerheblich (siehe Verkehr), wäre aber in Deutschland durchaus hilfreich. Und man spart sich dadurch das absolut überflüssige gelbe Licht („Ampel geht nicht“ kann man anstelle von Blinklicht übrigens auch durch „Licht aus“ visualisieren).
Die meisten Mädels tragen im Sommer kurze Röcke und Hosen. Sehr kurze. Und: Alle die dies tun können es sich auch leisten. Für Geschmacksverwirrungen bei der Wahl der Kleidung sind in China ausnahmslos die Männer zuständig (ich sage nur: dicker Bauch, T-Shirt bis zum Hals hochgezogen). OK, die eine Ausnahme (fleischfarbene Söckchen in eleganten Stöckelschuhen) lasse ich gelten. Aber das war's dann auch. Und siehe unten: 120 Millionen davon sind heiratswillig ;-)
Große Supermärkte und Einkaufszentren haben bis 22 Uhr geöffnet, kleine Läden länger, in den meisten Wohnanlagen gibt es einen 24-Stunden-Shop. Wenn man nicht selbst gehen möchte ruft man an, sie liefern an die Wohnungstür. Ohne Mindestbestellmenge, auch wenn's nur eine Tüte Nüsse oder eine Rolle Klopapier ist. Gerade letzteres kann lebensrettend sein wenn man mal wieder bei der Aufstellung der Einkaufsliste geschlampt hat... Banken, Post und Behörden haben natürlich am Wochenende auf, denn in der Woche müssen die Kunden ja selbst arbeiten. Für den nicht bei Ver.di organisierten Teil der Bevölkerung ist das jedenfalls angenehmer.
Es sind immer ausreichend Bedienungen im Restaurant vorhanden. Es kann sein, dass man zu Stoßzeiten mal ein paar Minuten aufs Essen warten muss, aber Speisekarte und Rechnung kommen immer prompt. Und auch hier wieder Grüsse an diverse Restaurants in München, schaut's Euch ruhig a bisserl was beim Chinesen ab! Jacken werden übrigens in besseren Restaurants mit Stoffbezügen gegen Essensgeruch oder Zigarettenqualm geschützt. Man bestellt das Essen gemeinsam, und jeder darf von allen Gerichten essen. Schön abwechslungsreich.
Niemand käme hier auf die Idee, an bestimmten Tagen laute Musik oder das Tanzen zu verbieten, nur weil vor knapp 2000 Jahren ein langhaariger Prediger im Nahen Osten hingerichtet wurde. Übrigens auch nicht weil ein Großer Vorsitzender gestorben ist.
Wenn Parks oder Gärten neu angelegt werden (oder auch nur Straßen und Bürgersteige verschönert), dann werden ausgewachsene Bäume eingepflanzt. Nach spätestens einem Jahr haben die auch wieder vollständiges Laub und spenden angenehm Schatten. Nicht so wie in Deutschland, wo man sich bei jeder vergleichbaren baulichen Maßnahme erstmal vorstellen darf, wie schön das Ganze doch in 20 Jahren erst aussehen wird wenn aus den kleinen Pflänzchen endlich richtig große Bäume geworden sind. Nein, in China ist ein Park nach Ende der Bau- und Pflanzungsarbeiten auch wirklich fertig.
Wenn jetzt jemand meint das sei alles zu positiv, der setzte sich bitte hin, bohre sich ein Loch ins Knie und gieße ein Glas Milch hinein. Wenn ich mal wieder in China zum Arzt muss, der Strom ausfällt, ich einem gelben LKW nur durch einen beherzten Sprung in eine Pfütze ausweichen kann oder einen Blick in den Amnesty-International-Jahresbericht werfe, dann jammere ich wieder. Aber es ist eben nicht alles nur schwarz und weiß.
Rückblick
vor 16 Jahren
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