Wir wollten auch mal Zug fahren, und zwar nach Pingyao. Das ist eine mittelalterliche Stadt zwischen Xi'an und Taiyuan:

In Pingyao gibt keinen Flughafen, aber es gibt einen Bahnhof; und es gibt eine direkte Verbindung nach Xi'an. Was also liegt näher als den Zug zu nehmen? Nun ja, da gibt es noch das kleine Problem mit dem Fahrkartenkauf. Nicht die Sprache... das kriegen wir mittlerweile hin, und im Zweifelsfall findet sich ein chinesischer Freund zum Übersetzen. Nein, Chinesen haben wirklich ein unglaubliches Talent sich das Leben ohne Grund möglichst schwer zu machen.
In Xi'an gibt es ca. 20 Verkaufsstellen für Zugtickets, alle sind per Computer vernetzt. Sie haben jederzeit den Überblick, wie viele Tickets für welchen Zug noch erhältlich sind. Leider kann man die Fahrkarten nicht beliebig im voraus kaufen, die Vorverkaufsfrist beträgt zwischen 3 und zwanzig Tagen, je nach Zug, Bahnhof und Datum. Eine deterministische Formel für die Frist habe ich noch nicht gefunden, man muss halt nachfragen. Und zwar jeden Tag, ansonsten verpasst man schnell den Übergang von „hai mei you“ (gibt's noch nicht) zu „mei you le“ (gibt's nicht mehr)...
Der nächste Haken: An allen Vorverkaufsstellen erhält man Tickets für Züge von Xi'an nach anderswo. Die Rückfahrkarten bekommt man allerdings nur an der Vorverkaufsstelle am Hauptbahnhof. Da helfen alle Computer nichts. Bis vor kurzem gab es Rückfahrkarten nur am Zielort, das mit dem Verkauf am Bahnhof ist schon eine deutliche Verbesserung. Der Bahnhof ist allerdings am anderen Ende der Stadt, und man müsste ja jeden Tag hin, bis es dann endlich mal Fahrkarten gibt. Nervig. Aber in China gibt es immer einen Ausweg, man kann einen „Agent“ beauftragen, für eine kleine Gebühr den Fahrkartenverkauf zu übernehmen. Der steht dann wahrscheinlich jeden Tag mit seinem Auftragsbuch in der Schlange. Ausserdem ist der Weiterverkauf von Fahrkarten illegal, aber das betrifft ja nur den Agenten und der wird das schon regeln.
Aber noch was: Rückfahrkarten gibt es nur ab der Endstation. Pingyao ist ein kleiner Provinzbahnhof, und natürlich enden hier keine Züge. Nein, einfach ab der nächsten größeren Stadt buchen geht auch nicht, denn nach maximal einer Stunde werden unbesetzte Plätze weiterverkauft (von Taiyuan sind es nach Pingyao eine Stunde und 5 Minuten).
Also... aufgegeben und Flug nach Taiyuan gebucht, ist ohnehin nur unbedeutend teurer. Von Taiyuan nach Pingyao ist es nur eine Kurzstrecke, sollte zu schaffen sein.
Am morgen nach der Ankunft in Taiyuan... der Flug von Xi'an (50 Minuten) hatte 6 Stunden Verspätung „due to Airline“, sodass wir erst nachts um 1 im Hotel ankamen. Im MaiDengLou neben dem Hotel (24 Stunde Service, Hahaha) gab es zu der Zeit nur noch süße Kuchen und Chickenburger, also hungrig ins Bett und am nächsten Morgen schlechtgelaunt aufgestanden. Dann noch das mit Jennifer Rush, siehe unten... also, ab zum Bahnhof, Fahrkarten kaufen. Am Bahnhof das erwartete Chaos. Eine Anzeigentafel zeigt, für welche Züge es noch Tickets gibt.

Ich hatte zwar im Netz recherchiert, dass es alle halbe Stunde einen Zug gibt, aber wir müssen erstmal mehrere Stunden auf einen freien Zug warten. Und unser Zugticket enthält neben der Wagennummer die beiden Zeichen 无座, was nichts anderes heißt, als dass wir trotzdem keinen Sitz garantiert haben.
Beim Betreten des Bahnhofs werden erstmals die Fahrkarten kontrolliert, das Gepäck wird durchleuchtet. Es gab wohl Fälle, in denen Chinesen mit mehreren Kilo Feuerwerk bepackt den halben Zug in die Luft gejagt haben, das will man in Zukunft vermeiden. Im Bahnhof gibt es dann einen Warteraum für die Reisenden im Soft Sleeper und 4 große Wartesäle für die Normalsterblichen. Nein, keine freie Platzwahl, der Wartesaal hängt vom Zug ab. Ist aber alles klar ausgeschildert:

Im Wartesaal geht es zunächst noch zivilisiert zu, aber der Anschein trügt. Schließlich sind wir in China. Die Stimmung ist in etwa wie bei einem Rockkonzert vor Öffnung der Eingangstüren, und um das erwartete Chaos abzumildern steigen ein paar Schaffner schonmal durch die Massen und entwerten die Tickets.

Als die Türen zum Bahnsteig dann endlich aufgehen (nur für jeweils einen Zug) drängt sich die Masse durch die kleine Eingangstür, danach wird so schnell es geht losgerannt. Wie gesagt, wie bei einem Rockkonzert wenn man in die erste Reihe möchte.

Der Grund ist klar, wer zuerst am Wagen ist kriegt einen Sitzplatz, und wie in China üblich – der stärkere siegt. Als 1,94m großer Ausländer bin ich hier klar im Vorteil (zumal sie eh Angst haben, mich anzurempeln) – wir ergattern also einen Sitzplatz. Der Zug ist eigentlich ganz bequem, es werden Essen und trinken verkauft, und für eine einstündige Fahrt lässt es sich aushalten. Bis auf die Musik... siehe unten.


Nach der Ankunft wird man von chinglischen Schildern zum Ausgang geleitet und muss noch einmal seine Fahrkarte vorzeigen, dann hat man es geschafft.

Wir wollen uns jedoch am Bahnhof gleich noch die Rückfahrkarte nach Taiyuan kaufen. Die Szene ist dieselbe wie in Taiyuan, eine überfüllte Schalterhalle, eine Anzeigetafel - und Rückfahrtickets für zwei Tage später sind alle schon ausverkauft. Aber es gibt eine Überraschung. An den Schaltern stehen alle geordnet in Schlangen, die Wartezeit beträgt ca. ½ Stunde. Eine Frau läuft seelenruhig an der Schlange vorbei und geht direkt zum Schalter. Keine ungewöhnliche Situation; normalerweise lösen sich spätestens jetzt alle Warteschlangen auf und die hinten stehenden Leute versuchen ebenfalls zum Schalter zu kommen, das Ganze endet im üblichen Chinesenknäuel. An Flughäfen, Bushaltestellen, Banken, bei Ärzten – wo auch immer man sich anstellen könnte gibt es irgendwann ein großes Gewusele. Aber nicht hier. Die Frau läuft zum Schalter, und ein Mann in der Schlange schreit sie an. Sie ignoriert das, mehr Leute schreien sie an. Sie ignoriert es immer noch, bis jemand aus der Schlange nach vorne rennt und sie mit Gewalt vom Schalter wegzerrt. Sie kreischt kurz, und andere aus der Warteschlange versuchen den Wegzerrer zu beruhigen, der anfängt auf die Frau einzuschlagen. Die Frau drängt sich wieder seelenruhig zum Schalter vor und ignoriert das Geschrei, ignorieren können sie gut hier. Uniformierte Aufseher beobachten das Ganze und greifen nicht ein, der Fall war wohl in der Job Description nicht vorgesehen. Am Ende sind wir genau da wo es wohl enden musste: Gewusel und Chaos.
Pingyao war dann ganz schön, eine der wenigen mittelalterlichen Städte, die den Modernisierungswahn der 80er und 90er überstanden haben. Und ebenso die Kulturrevolution, die Statuen hatten alle noch Köpfe.

In der Stadt gibt es merkwürdige Regeln. Drachen müssen hier nörgeln:

Die Innenstadt sollte eigentlich auto- und fahrradfrei sein, man hat freundliche Hinweisschilder aufgestellt und (weil sowas in China niemals ausreicht) die Straßen mit Barrieren abgesperrt. Wenn jemand eine Idee für eine Absperrung hat, die Fußgänger durchlässt, aber Fahrräder draußen hält – bitte bei den Stadtvätern von Pingyao melden.